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01.11.2015

Die Digitale Stadt der Zukunft braucht digitale Bürger

Die digitale Stadt der Zukunft

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Die Stadt der Zukunft ist die Community derer, die vernetzt arbeiten und leben – unabhängig von der Anschrift.

Die Stadt der Zukunft ist digital vernetzt, bietet flexible und hoch individualisierte Services - und sie wird zu völlig neuen Formen der Bürgerbeteiligung, der Partizipation und Einbindung führen. Nur auf Landkarten werden wir die Grenzen der Stadt der Zukunft nicht mehr abbilden können. Unsere Vorstellungen von Städten und Stadtgrenzen werden sich im Zuge der Digitalisierung vollständig verändern. Die Stadt der Zukunft ist die Community derer, die vernetzt arbeiten und leben – unabhängig von der Anschrift. Das „Urban Tech Manifesto“ formuliert die Anforderungen an die Stadt der Zukunft.

 

Rückblende ins Heute: Am Vortag der Kölner OB-Wahl sticht ein arbeitsloser Lackierer mit rechtem Hintergrund die favorisierte Kandidatin auf offener Straße nieder. Vorhersehbar folgen Empörung und Mitgefühl der Professionellen samt Talk bei Günther Jauch - nur die Wähler reagieren nicht. Ganze 60% der Wahlberechtigten bleiben erneut zuhause, sind wieder einmal nicht zu motivieren. Doch den Bürgern wieder und wieder mangelndes Interesse zu unterstellen, verfehlt den Punkt. Ganz offensichtlich war diese Wahl nicht ihre Form der Partizipation. Lesen Sie in dieser Trendanalyse, wie die Digitalisierung der Städte nicht nur zu einer verbesserten Lebensqualität und steigenden Attraktivität führt, sondern wie sie auch die Grundlage für eine wirksamere Partizipation legt.

 

Der Reihe nach: Digitale Vernetzung hat das Potenzial, die Lebensqualität in Städten deutlich zu heben. Vernetzte Ampeln, die aus Handydaten auf die aktuelle Verkehrsdichte schließen und den Verkehr besser fließen lassen. Vernetzte Radwege, deren leuchtende Fahrbahnen die optimale Geschwindigkeit für die grüne Welle anzeigen. Vernetzte Mülleimer, die den Stadtwerken signalisieren, wann sie zu leeren sind. Vernetzte Straßenlampen, die Lichtverschmutzung und Energieverbrauch reduzieren, solange die Straße leer ist, zusätzlich aber über Daten aus der Kriminalitätsstatistik verfügen und berüchtigte dunkle Ecken der Stadt gezielt ausleuchten. Zahllose internationale Projekte steigern die Lebensqualität in Städten durch digitale Technologien.

 

 

Die digitale Stadt als zukünftiger Ort der Freiheit

 

Diese Projekte sind mehr als nur originell, mehr als kurzfristige Mode. Sie sind Ausdruck eines tiefen Wandels. Vor kurzem haben wir in einer Trendanalyse gezeigt, wie sich die Stadt der Zukunft als Ort der Freiheit neu finden wird. Freiheit ist der zentrale Treiber der Stadt der Zukunft. Dabei verändert sich das Verständnis von Freiheit grundlegend.

 

Über Jahrhunderte versprachen Städte die Freiheit, besitzen zu können, sei es Land oder Immobilie, Unternehmen oder Hausstand. Die Stadt der Zukunft verspricht eine neue Freiheit: die Freiheit, nicht mehr besitzen zu müssen. Der Kern von öffentlichen und privaten Services verschiebt sich damit vom „Verkaufen“ zum „Zur Verfügung stellen“, vom Erwerb zur Nutzung. Selbstverständlich: Dies ist der Kern der Sharing Economy, die längst nicht mehr von Idealisten und der Hoffnung auf eine bessere Welt getrieben wird, sondern von der Erfahrung von Kunden, dass das Grundmuster „Nutzung statt Besitz“ zu individuell deutlich besseren Produkten und Services führt.

 

Welche Rolle kommt hier der Stadt zu? Die Stadt der Zukunft wird zur Plattform, auf der Bürger Services nutzen können, sowohl städtische als auch kommerzielle und private Angebote. Daher ist diejenige Stadt im Vorteil, die ihre Services nicht nur individualisieren und zielgenau auf die Bedürfnisse einzelner Bürger ausrichten kann, sondern darüber hinaus adaptiv wird, also ihre Services flexibel hält und ständig an die sich wandelnden Bedürfnisse der Bürger anpassen kann.

 

 

Das Urban Tech Manifesto

 

Internationale Experten haben im September in Berlin das Urban Tech Manifesto formuliert und Forderungen an die digitale Stadt der Zukunft erhoben. Zahlreiche Kommunen treiben solche Lösungen voran, tatkräftig sowohl von den Industrien unterstützt, die sich hier einträgliche Investitionen versprechen, als auch gefördert von der Kundennachfrage nach besseren Services und Produkten.

 

 

Die Freiheit zu Wirtschaften

 

In Mitteleuropa tritt ein weiteres kommunales Interesse hinzu. Je mehr aus dem heutigen Fachkräftemangel ein genereller Arbeitskräftemangel wird, desto eher wird es zur zentralen Aufgabe von städtischer Wirtschaftsförderung, die Attraktivität als Lebensort zu steigern und so der regionalen Wirtschaft den in Zukunft gesuchtesten Standortfaktor anbieten zu können: Arbeitskräfte in ausreichender Zahl. Investitionen in die digitale Entwicklung der Städte sind die wichtigste Wirtschaftsförderung der Zukunft.

 

Die Stadt der Zukunft profitiert dabei – so scheint es – von ihrer schieren Größe: Die Dichte von Nutzern, Kunden, Anbietern, Produkten bildet den großen Standortvorteil der Städte von morgen. Dies ermöglicht Lösungen der vernetzten Mobilität, die unter anderem den CO2-Ausstoß von Metropolen senken. Sie ermöglicht die Entwicklung von Technologien, um umfassende Re-Nutzungszyklen zu organisieren, heutiger Müll wird zu Rohstoff. Sie ermöglicht den Einsatz neuer Technologien in der Architektur und führt damit zu Gebäuden, die Substanz und Aussehen auf Dauer flexibel verändern können.

 

Das Problem dabei: Europäische Städte sind nicht sonderlich groß. Moskau, Greater London - im globalen Maßstab betrachtet, kann Europa keine fünf ernstzunehmenden Metropolen aufweisen. In Deutschland leben kaum 10% der Bevölkerung in Millionenstädten. Die typische deutsche Großstadt ist viel zu klein, um selbst eigene Lösungen für die smarte digitale Stadt entwickeln zu können. Sie ist auch aus Sicht der großen IT-Anbieter zu klein, um als Markt attraktiv zu sein. Werden die kleineren und mittleren Städte so von Digitalisierung und Vernetzung abgekoppelt? Nein, sie wird anders Gestalt annehmen.

 

Die Lösung, so auch einer der Kerngedanken des Urban Tech Manifestos, liegt in der Kooperation: Städte werden sich zusammenschließen und gemeinsame Märkte bilden. Dabei spielt die räumliche Nähe kaum eine Rolle. Ob sich Helsinki besser mit Kopenhagen oder Riga verknüpft, ist keine Frage der Kilometer, sondern der gemeinsamen Interessen, der ähnlichen Alltagsfragen und vor allem von der Nutzung eines gemeinsamen Standards bei offenen Schnittstellen zu den Daten der Stadt.

 

 

Das Ende der Geographie

 

Das Verblüffende: Diese vermeintlich künftigen Netzwerke der digitalen Stadt der Zukunft existieren längst. Der Bankmanager aus dem Frankfurter Westend ist der Bankenstadt London ohnehin nah, jedenfalls näher als der Kurstadt Wiesbaden. Der Berliner Startup-Gründer ist dem Gründer in Tel Aviv und Lissabon näher als dem Bauunternehmer aus Dresden. Den Bauunternehmer hingegen verbinden zahlreiche Themen mit seinen Branchenkollegen aus Prag und Kassel.

 

Beim Thema Heimatstadt ist uns dieser Gedanke längst vertraut: Ein Hamburger bleibt am Tor zur Welt, egal wohin es ihn verschlägt. Entsprechend können Startup-Gründer tagelang um den Globus fliegen und steigen doch in ihrer Stadt wieder aus dem Flugzeug. Andere Koordinaten, selbe Stadt. Die digitalen Städte der Zukunft bilden längst eine gemeinsame vernetzte Metropole.

 

Die gegenteilige Beobachtung stimmt natürlich auch: Ebenso wie etliche Flugstunden entfernt dieselbe Stadt wartet, müssen wir nur die Straße überqueren, um die Stadt zu wechseln. Die Städte der Zukunft bilden gemeinsam ein Netzwerk mit verschiedensten Schichten, unterschiedlich dicht, aber eben doch immer schon verknüpft.

 

Die Konsequenz: Die Stadt der Zukunft lässt sich nicht mehr sinnvoll in geographischen Kategorien beschreiben. Sie folgt nicht mehr der Logik nebeneinander existierender Kommunen. Die Nähe der Städte lässt sich nicht mehr an der Entfernung in Kilometern ablesen, sondern an der Intensität der Interaktion. Anstatt Städte im Norden, Westen, Süden oder Osten zu unterscheiden, werden wir künftig zwischen der Startup-City, der Gesundheitsstadt, der Bildungsstadt, der Kulturstadt differenzieren. Die Logik der Layers löst die Logik der Kartographie ab.

 

Es geht dabei nur vordergründig um ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Die Verbindungen zwischen den Metropolen der Welt sind mehr als ein Gefühl. Ob Tel Aviv in den Ausbau der Breitbandverkabelung investiert oder marode Straßen repariert, hat einen unmittelbaren Einfluss auf die Wirtschaftstätigkeit von Startups in Berlin und London. Der Erfolg eines Unternehmens ist direkt von Entscheidungen unterschiedlichster Kommunen abhängig. Investition hier – Auswirkungen dort. Allein: Diese Unternehmer sind bislang von jeglicher Partizipation ausgeschlossen. Ebenso läuft die Regelungskompetenz lokaler und regionaler Kommunen ins Leere.

 

Dies ist eine Wurzel dessen, warum all die Kampagnen wieder und wieder ins Leere laufen, die die Bürger an die Urnen bringen sollen: Die wirklich wichtigen Fragen stehen gar nicht zur Wahl. Wer die landauf, landab sinkende Wahlbeteiligung ausschließlich als Ergebnis einer allgemeinen Politikmüdigkeit deutet, übersieht die dahinter liegende, größere Entwicklung: Wahlen verlieren an Relevanz, wenn die aus Sicht der Bürger wichtigen Fragen nicht oder nur eingeschränkt zur Wahl stehen.

 

 

Vernetzte Städte – vernetzte Werte

 

Was für Infrastruktur gilt, trifft auch für die Ebene gemeinsamer Werte zu. Ein Münchner Abiturient, der sich einem internationalen Team einer High-School in Miami anschließt und an einem Projekt zum Leben von Haien und deren Schutz arbeitet – wer würde diesem Schüler die Anerkennung eines solchen Projekts für seine eigene Schulbildung verweigern wollen? Hat er doch Biologie gelernt, Teamarbeit erprobt, die Organisation von Kampagnen erlernt und das Ganze auch noch in Englisch. Allein: Ob die High-School die Evolutionstheorie anerkennt oder abstreitet, wird ausschließlich im lokalen kommunalen Gremium beraten und entschieden. Aus – in diesem Fall: Münchner – Sicht auf Bildung eine hoch relevante Frage.

 

Ob Diskussionen über Werte, Entscheidungen über Investitionen, Gesetzgebung: Das Muster kehrt wieder. In der global vernetzten Stadt sind Unternehmen und Menschen an einen Ort von Entscheidungen an anderem Ort direkt abhängig und diejenigen Städte sind im Vorteil, die ihre Bürger ortsübergreifend in die Entwicklung der Stadt einbinden können.

 

 

Vernetzung ist die Standortpolitik der Zukunft

 

So führt die Digitalisierung der Städte direkt zu der Frage nach der digitalen Partizipation. Wichtigster Treiber ist eine nüchterne Abwägung: Welche Stadt wird die eigene Wirtschaft besser fördern können? Welche Stadt wird zu besseren Entscheidungen kommen? Es ist jene Stadt, die es schafft, die Unternehmen und Menschen, die in der globalen digitalen Metropole eine Verbindung untereinander haben, wirtschaftlich, technologisch, innovativ und auf Werteebene mit ihr zu vernetzen. Vernetzung ist die Standortpolitik der Zukunft!

 

Um Missverständnisse auszuschließen: Der Ausbau einer leistungsfähigen Netzinfrastruktur ist selbstverständliche Voraussetzung aller Zukunftsfähigkeit; sie ist nicht zu debattieren, sondern schnell umzusetzen und dauerhaft zu sichern. Die Vernetzung, die über die Zukunftsfähigkeit der Städte entscheidet, ist aber keine aus Kupfer und Glasfaser. Entsprechend benötigt eine Kommune auch kein Amt für „Digitalisierung, Breitband und Vermessung“, wie es dies mancherorts gibt. Die Vernetzung der Städte ist Beziehungspflege und Kommunikation.

 

Je eher Städte ihren Bürgermeister als ersten Relation Manager begreifen und ihn entsprechend ausstatten, desto mehr Vorteile werden sie realisieren können. Der in diesem Sinne digitale Bürgermeister löst das Freiheitsversprechen adaptiver Städte der Zukunft ein. Die Intensität und Qualität der internationalen Vernetzung bildet die Grundlage für die Entwicklung der Städte und entscheidet über die Attraktivität und Strahlkraft des Lebens- und Wirtschaftsortes.

 

 

Digitale Partizipation – digital citizens

 

Ganz nebenbei wird damit die Logik von Wahlbeteiligung umgekehrt, das Wahlrecht vom Kopf auf die Füße gestellt: In der globalen Metropole wird kein Bezirksamt mehr darüber entscheiden können, wer bei welcher Frage wahlberechtigt ist. Solche Konstrukte benötigt nur, wer im Kern den Kreis der Berechtigten einschränken will, wer kontrollieren und ausschließen möchte.

 

Die digitale Stadt der Zukunft treibt mit Macht in eine andere Richtung und atmet den Geist der Aktivierung und der Inklusion. Denn nur jene Stadt wird diese Vorteile erreichen können, die es schafft, auch tatsächlich Beteiligung herzustellen. Entsprechend kann es auf Dauer auch nicht um informelle Beteiligung gehen. Es geht hier nicht um Show, sondern um echte Beteiligung digitaler Bürger mit vollen Rechten, unabhängig von der Anschrift. Die digitalen Bürger müssen dabei selbst und frei entscheiden, wann und wo sie sich an Entscheidungen und Entwicklungen beteiligen. Dies sind keine späten Träume basisdemokratischer Aktivistengruppen; es geht nicht darum, nett zu sein, sondern um bessere Services, bessere Wirtschaft, besseres Leben.

 

An zahlreichen praktischen Fragen ist zu arbeiten: Die technische Grundlage der Beteiligungs- und Wahlverfahren ebenso wie die Verhinderung von Missbrauch, Unterdrückung und organisiertem Stimmenkauf. Der Stadt, der es gelingt, ihre digitalen Bürger unabhängig vom Wohnort kontinuierlich in die Prozesse der Meinungsbildung einzuschließen, wird es gelingen, zu besseren Entscheidungen über Infrastruktur, Investitionen, Regelwerke zu kommen. Sie bietet bessere Lösungen für ihre Bewohner und ihre globalen Bürger, ihrer digital citizens. Das Berliner Urban Tech Manifesto formuliert die konkreten Anforderungen an Städte der Zukunft und markiert Anfang und Grundlage dieser Entwicklung.

 

 

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