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14.06.2018

Was der Datenschutz mit langem Leben zu tun hat

 

Über den feinen Unterschied zwischen der digitalen Patientenkarte der Vergangenheit und der digitalen Patientenakte der Zukunft

 

Der Datenschutz ist mutmaßlich die Todesursache Nr. 1 in Deutschland. So hat es einer der profiliertesten Experten unserer aktuellen Studie zur Zukunft der Krankenversicherungen formuliert, Professor Arkadiusz Miernik. Was er meint: Das traditionelle Bild des Datenschutzes – wir streben an, den Austausch von Daten einzudämmen – führt zu einer medizinischen Landschaft, in der per Default eben kein Datenaustausch stattfindet. Normalerweise weiß der eine Arzt nichts von den Annahmen des anderen, sind Therapie, Medikation, Anamnese und Behandlungspläne nicht vernetzt, integriert, aufeinander abgestimmt. Dies, so Miernik, führt zu tausenden Todesfällen pro Jahr. Vermeidbaren Todesfällen. Das sind viele Menschen jeden Tag, auch heute, gestern und morgen. Wer immer den Begriff „Datensparsamkeit“ geprägt hat, darf sich hier angesprochen fühlen.

 

In den vergangenen Wochen habe ich mit den Chefärzten und Aufsichtsgremien mehrerer Klinikgruppen gearbeitet, mit medizinischen Fachhändlern diskutiert; in dieser Woche kamen noch gut hundert Labormanager und Laborärzte sowie die politischen Vertretungen von Krankenkassen hinzu. Ein Begriffspaar hat in diesen Diskussionen immer wieder Spannung erzeugt: Das Potenzial der Daten und unser Streben nach Kontrolle.

 

Was uns Zukunftsforscher in der Diskussion um den Datenschutz, die einschlägigen Europäischen Grundverordnungen und das vorgeblich gefährliche Big Data regelrecht anspringt: Wir schaffen einen gesellschaftlichen Konsens, der es ermöglicht, dass Heerscharen von Abmahnanwälten die Webseiten kleiner Unternehmen und Initiativen nach formalen Fehlern absuchen und mit seitenlangen Schriftsätzen Klagen vorbereiten. Derselbe gesellschaftliche Konsens unterbindet de facto den mündigen Umgang jedes einzelnen mit seinen Daten, auch dort, wo es im Wortsinn um Leben und Tod geht: Bei den eigenen Gesundheitsdaten.

 

Ich werde mir in der kommenden Woche auf unserem 17. Wolfsburger Zukunftskongress gemeinsam mit Sven Gábor Jánszky und unserem CEO Jan Berger einen Chip unter die Haut setzen lassen. Für mich ist das mindestens auch ein Statement, dass meine Gesundheitsdaten mir gehören und niemandem sonst. Sie befinden sich in meinem Körper. Wenn ich entscheide, diese Daten mit meiner Krankenkasse, dem Technologiekonzern meines Vertrauens oder meinem Ernährungsberater zu teilen, mag das im Einzelfall mal mehr und mal weniger klug sein. Allein: Es ist meine Entscheidung. Mir die Möglichkeit zu geben, diese Entscheidung treffen zu können, das ist der Zusammenhang zwischen Datenschutz und langem Leben.

 

Wir halten es für ein durchaus valides Szenario, dass Unternehmen wie Google, Amazon und WeChat ihr Engagement auf den europäischen Gesundheitsmärkten deutlich verstärken. Das können Sie als Akteur der Gesundheitsbranche begrüßen, dann müssten Sie sich allerdings anschlussfähig machen an die digitale Gesundheitsakte der Zukunft, die hier nichts anderes ist als mein persönliches Profil bei meinem digitalen Basisanbieter. Sie können ein solches Szenario auch befürchten. Dann wäre es wohl Zeit, selbst Lösungen zu entwickeln, die eine datenbasierte Förderung der individuellen Gesundheit ermöglichen. Aus beiden Richtungen sehen wir eine Dynamik hin zu einer Patientenakte, die es dem Einzelnen ermöglicht, seine Gesundheit zu vermessen und zu optimieren. Die Akte wird zum Dreh- und Angelpunkt meiner Gesundheitsförderung.

 

Sven Gábor Jánszky hat in der vorigen Woche in einer Trendanalyse begründet, warum 2b AHEAD die Entwicklung eines Datenfreigabegesetzes prognostiziert. Ein Gesetz, das die rückwärtsgewandte Datenschutzdiskussion ablöst und jedem einzelnen stattdessen Instrumente an die Hand gibt, die eigenen Daten zu steuern und verwalten zu können. Auf die Gesundheit übertragen markiert genau dies den Unterschied zwischen Gesundheitskarte und Gesundheitsakte. Nah beieinander und doch etwas grundlegend anderes. Für die Grammatiker und Altsprachler unter uns: Lassen Sie uns den „Schutz der Daten“ nicht mehr als Genitivus Obiectivus lesen, sondern als Genitivus Subjectivus. Nicht die Daten sind zu schützen – die Daten sind es, die uns schützen.

 

Gerade die medizinischen Labore erleben derzeit geradezu beispielhaft die Zwiespältigkeit disruptiver Veränderungen. Ihre Stärke: Sie sind es gewohnt, mit Daten umzugehen. Ihre Schwäche: Sie sind es gewohnt, mit Daten umzugehen, auf eine bestimmte Weise, erfolgreich, erprobt und zertifiziert – und haben es daher objektiv schwerer, zu einem anderen Umgang mit Daten zu kommen.

 

Zahlreiche Akteure der Gesundheitswirtschaft sind von der Absicht geleitet, den digitalen Wandel des Gesundheitssystems zu kontrollieren und zu steuern. Gemessen an ihrer Erfahrung: aus besten Gründen. So haben wir das Gesundheitssystem aufgebaut und verfeinert, bei allen Schwächen im Großen wie im Kleinen. Auf diese Weise haben wir Ausschüsse, Prüfgruppen, Expertengremien hervorgebracht. Gründliche Arbeit von Fachleuten auf allen Ebenen war eine entscheidende Wurzel des Erfolgs.

 

Diese Stärke birgt Gefahren, am deutlichsten sichtbar bei dem Versuch, die elektronische Gesundheitskarte einzuführen. Unter der Oberfläche geleitet von dem Streben, das Gesundheitswesen zu digitalisieren, ohne es zu verändern. Viele der unmittelbar Beteiligten würden das für sich selbst abstreiten, aber die Logik des Systems weist deutlich in diese Richtung. Und dies ist eine schwierige Logik, wie wir in vielen anderen Branchen sehen konnten. Digitalisierung führt zu Bruch und Neuem, nicht zum selben mit Computer und Internetanschluss.

 

Die Zukunft der Gesundheitswirtschaft wird datengetrieben sein; wir erwarten eine völlig andere Datenhoheit der Patienten und Gesundheit-Suchenden; Kooperationen, Expertenbeziehungen und Geschäftsmodelle werden anderen Logiken folgen. Das haben wir in unseren Studien immer wieder zeigen können. Die digitale Gesundheitswirtschaft ist etwas anderes als ein „Hausarzt mit einer App“.

 

Die Branche steht aus Sicht der Zukunftsforschung vor einer Reihe sehr einfacher Fragen:

 

> Wie können wir es Menschen ermöglichen, die eigenen Daten zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden einzusetzen?

 

> Wer etabliert den Blockchain-Standard der Branche für Erzeugung, Austausch und Auswertung der Daten und wie erlaube ich es mir, meine Prozesse an Blockchain anschlussfähig zu machen?

 

> Wie beginne ich, meine Produkte konsequent auf den individuellen Mehrwert des Einzelnen – die Steigerung seiner Gesundheit und seines Wohlbefindens – auszurichten? Um Missverständnisse auszuschließen: Selbstverständlich unabhängig von der Frage, ob dieser Einzelne gerade „Patient“ und „krank“ ist oder nicht.

 

> Wie lernen meine Mitarbeiter und ich, direkt mit nach Gesundheit strebenden Menschen zu kommunizieren und ihnen diesen Mehrwert zu vermitteln?

> Was ist genau das Angebot, mit dem ich Nutzen stifte und Einnahmen erziele, wenn Technik und Sensorik vielfach breit verfügbar sind und Analytics in weiten Teilen Freeware geworden ist?

 

Wem es gelingt, einen anderen Umgang mit Daten zu ermöglichen, der verschiebt die Kräfte in der Gesundheitsbranche grundlegend. Wenn Daten beginnen, Gesundheit zu schützen, führen sie zu einem langen Leben.

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