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25.06.2018

Auf dem 2b AHEAD Zukunftskongress präsentierte Kopernikus Automotive den ersten autonom fahrenden VW Golf. Ein Interview mit Tim von Törne.

„Menschliche Fahrer wird es immer geben, aber in 10 Jahren muss man definitiv kein Fahrer mehr sein, um mit dem Auto von A nach B zu fahren.“

 

Auf dem 17. 2b AHEAD Zukunftskongress hatten wir die Möglichkeit, mit Tim von Törne, COO und CO-Founder von Kopernikus Automotive, zu sprechen. Das von 2b AHEAD Ventures mitgegründete Start-up aus Berlin rüstet herstellerunabhängig Fahrzeuge mit einem Nachrüst-Kit aus, das aus einer Computereinheit, Sensoren sowie einer Mobilfunkeinheit besteht. Die Autos können dadurch auf Autobahnen und Bundestraßen autonom fahren. Auf dem Kongress waren bereits Teilnehmer und Journalisten Passagiere in einem nachgerüsteten, autonom fahrenden VW Golf und die ersten Testfahrten waren erfolgreich.

 

Tim, was hat euch bei Kopernikus Automotive inspiriert, in den Markt für autonom fahrende Autos einzusteigen?

Wir lieben Autos und wir glauben, dass die deutschen Autohersteller bisher Herausragendes geleistet haben. Die deutschen Automobile gehören durch die Bank zu den besten der Welt, von Economy bis Premium. Die Branche ist eine Perle der deutschen Industrie. Die Entwicklung von selbstfahrenden Automobilen ist aber keine lineare Weiterentwicklung des klassischen Automobilbaus, sondern eine komplett neue Kategorie von Sensor- und Softwareentwicklung. Und genau hier haben wir das Gefühl, dass sich die deutschen Hersteller aufgrund des historisch erfolgreichen Geschäfts etwas zu sehr zurückgelehnt haben. Anders kann ich mir nicht erklären, dass der Firma Waymo bei selbstfahrenden Automobilen ein Vorsprung von fünf Jahren gegenüber der gesamten Automobilbranche zugeschrieben wird. [Waymo setzt als Tochterunternehmen von Alphabet die Arbeiten des Google Driverless Car fort, Anm. d. Red.]

 

Und zur Konkretisierung: Wir produzieren keine Autos; wir entwickeln eine Lösung, die Selbstfahrsoftware von innovativen Softwareherstellern mit Automobilen von heute und morgen verbindet. Das ist vorrangig Softwareentwicklung; zudem ist unser Nachrüst-Kit für bestehende Autos so konzipiert, dass es die benötigten Sensoren und notwendige Computerleistung mitbringt. Das haben die Autos von heute einfach noch nicht an Bord.

 

Wann denkst du, wird es keine menschlichen Fahrer mehr geben?

Die Frage ist natürlich sehr breit gestellt. Es wird wohl auch in fünfzig Jahren noch menschliche Fahrer geben; wichtiger oder zielführender ist für die Beurteilung die Frage, ab wann es für gewisse Funktionen keine Fahrer mehr geben muss. Wenn wir über sich frei bewegende Fahrzeuge im öffentlichen Straßenverkehr sprechen, unterteilen wir gerne in die folgenden Zeitabschnitte:

 

Jetzt beginnt der Zeitraum, wo sich selektiv autonome Funktionen langsam in ein paar Autos eingeführt werden. Damit meine ich nicht die heute weit verbreiteten, regelbasierten Spurhalteassistenten, sondern auf künstlicher Intelligenz beruhende Lösungen, die dem Fahrer selektiv Teilstrecken seiner Fahrt komplett abnehmen. Hierbei ist der Mensch als „Rückfallsystem“ für die Computersysteme unerlässlich, dies wird auch Level 3 genannt.

 

Dann kommt ein Zeitpunkt in circa 2020, ab dem es vollständig autonome Fahrzeuge geben wird, die in definierten Bereichen ihre Aufgaben autonom durchführen, ohne dass ein Fahrer an Bord sein muss. Diese sogenannten Level 4 Fahrzeuge sind vollautonom, können aber noch nicht an jeden Ort fahren können, das wird noch einmal 2-3 Jahre dauern.

 

Ich spreche hier allerdings erst einmal von technischer Verfügbarkeit systemseitig ausgereifter Lösungen. Wann das dann im Land des interessierten Kunden verfügbar sein wird, ist von weiteren Faktoren abhängig: Stand der lokalen Rahmenbedingungen und Bereitschaft der Automobilhersteller, solche Lösungen einzuführen. Unsere Lösungen zielen immer auf einen möglichst schnellen Einsatz. Aber auch bei schneller Markteinführung gilt: bis der Bestand an aktuellen Fahrzeugen nicht mehr auf der Straße unterwegs ist, wird es für bestimmt 20 Jahre ein Übergangsszenario geben.

 

Kurz: Menschliche Fahrer wird es immer geben, aber in 10 Jahren muss man definitiv kein Fahrer mehr sein, um mit dem Auto von A nach B zu fahren. Und auf manchen Strecken wird dann vielleicht bereits das menschliche Fahren verboten sein, da es als zu gefährlich angesehen wird.

 

Welche Voraussetzungen muss ein Fahrzeug haben, um selbstfahrend zu sein?

Die Voraussetzungen für unsere Lösung sind ein Parklenkassistent und ein Abstandstempomat. Unser Nachrüst-Kit besteht aus Sensoren und einer Computereinheit mit einer Mobilfunkeinheit. Einmal nachgerüstet prüft unser System regelmäßig, ob es aktuellere Software für das Fahrzeug gibt und installiert diese dann in Nutzungspausen. Wir rüsten quasi die Zukunftsfähigkeit nach.

 

Braucht das System eine ständige Verbindung zu einem Server und wird es auch in Tunneln funktionieren?

Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass selbstfahrende Automobile „Always-on“ sein müssen, das heißt eine dauernde Verbindung mit einem zentralen Server benötigen. Selbstfahrende Automobile sind grundsätzlich so konzipiert, dass das Automobil jederzeit und an jedem Ort in der Lage sein muss, alle notwendigen Entscheidungen im Auto zu treffen – ohne eine Internetverbindung. Das gilt somit natürlich auch zu 100% für die auf unserem System laufende Selbstfahrsoftware.

 

Werden Verfolgungsrennen in Filmen noch spannend sein?

Als Autofan hoffe ich das doch sehr. Schon jetzt finden in Sci-Fi Filmen Verfolgungsfahrten in einer imaginären Zukunft statt. Durch einen stetig steigenden Prozentsatz von selbstfahrenden Automobilen kommt vielleicht noch eine weitere, neue Komponente in den Verkehrsmix. Ich freue mich auf jeden Fall auf die Kreativität der Regisseure für dieses Thema.

 

Wird euer Nachrüst-Kit für jedes Fahrzeug verfügbar sein?

Als Firma sind wir Herstellerunabhängig. Wir werden versuchen, möglichst schnell eine große Bandbreite von Marken und Modellen abzudecken; das ist ja die Stärke einer Middleware wie unserer. Wir starten mit der MQB-Familie von Volkswagen, darauf basieren rund 50% der Fahrzeuge des Konzerns und erfolgreiche Modelle wie zum Beispiel unser Golf. Weitere Marken und Modelle folgen. Ich betone aber noch einmal, dass wir eigenständig sind und kein Projekt des Volkswagen Konzerns.

Wir bieten eine sehr hochwertige Lösung in Erstausrüsterqualität an. Wir lassen diese auch unabhängig testen, unter anderem auf ihre Sicherheit; anschließen darf sie ausschließlich von Profis verbaut werden. Unsere Lösung ist optisch unauffällig, aber ein paar Kameras wird man bei genauem Hinsehen schon erkennen. Unter den Außenspiegeln sind zum Beispiel unsere Seitenkameras angebracht. Es wird aber weder zu optische Einschränkungen im Außenbereich noch räumliche Beeinträchtigungen im Innenraum kommen.

 

Ab wann gibt es das Kit zu kaufen und wie teuer wird es sein?

Wir planen mit Ende 2018 und mit einem Zielpreis von rund 3000€. Seit dem 18.06. ist auf unserer Webseite www.kopernikusauto.com eine unverbindliche Vorbestellung möglich.

 

Wie sehen die rechtlichen Rahmenbedingungen für die deutschen Straßen aus?

Wir werden unser Angebot zunächst in anderen Regionen starten. Wann wir in Deutschland starten kann ich heute noch nicht sagen.

 

Was sagst du Menschen, die skeptisch gegenüber einem autonom fahrenden Fahrzeug sind?

Alles Neue wird zunächst kritisch beäugt. Die Systeme werden in einer Art trainiert, dass sie sehr defensiv und umsichtig fahren werden. Die erste Fahrt in einem autonomen Fahrzeug wird schon nach wenigen Kilometern initialer Neugier derart entspannt verlaufen, dass man sich überlegen wird, wie man die Zeit anderweitig nutzen kann. Und unaufgeregt soll die autonome Fortbewegung ja sein, damit man andere Sachen tun kann.

 

Ich möchte alle Menschen ermutigen, dem Thema unvoreingenommen zu begegnen und es auszuprobieren, wenn sich die Gelegenheit ergibt.

 

Wo kann man euer System testen?

Wir werden bei Zeiten auf unserer Webseite www.kopernikusauto.com über Testmöglichkeiten informieren. Ich empfehle, unseren Newsletter zu abonnieren.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

 

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